Clubabend April 2018

„Nur nicht vom Weg abbringen lassen."
Vortrag von Dr. Christine Hohmann-Dennhardt
„Nur nicht vom Weg abbringen lassen." – lautet eine Maxime von Christine Hohmann-Dennhardt. Der heute 67-jährigen Trägerin des großen Bundesverdienstkreuzes wurde ihre Laufbahn nicht in die Wiege gelegt. Ihr Vater, ein Maurermeister, sah in ihr eher die Volkschullehrerin als die Jurastudentin, die sie dann wurde. Sie studierte in Tübingen und legte 1975 in Hamburg das 2. juristische Staatsexamen ab. Nach Lehraufträgen an der Universität Hamburg führte ihr Weg nach Hessen. Zunächst war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, promovierte hier und wurde schließlich Richterin an den Sozialgerichten in Frankfurt und Wiesbaden und am Hessischen Landessozialgericht.
Hohmann-Dennhardt erinnert sich, dass sie wegen ihrer beiden Kinder nicht in die Arbeitsgerichtsbarkeit aufgenommen worden war. „Bei der Sozialgerichtsbarkeit war Mutterschaft hingegen kein Problem." Damals habe man sehr lehrmeisterliche Gespräche mit ihr geführt und auch ihr Äußeres stand unter Beobachtung. Die rot lackierten Fingernägel wurden kritisiert. „Ich galt als weiblicher Paradiesvogel", sagt sie und erklärt, dass eine Portion Souveränität und gute Arbeit erforderlich gewesen seien, um akzeptiert zu werden.
Dies galt umso mehr, als sie mit 31 Jahren Direktorin des Sozialgerichts in Wiesbaden wurde. Skeptisch sei sie zunächst beäugt worden. Eine Frau und dazu eine noch junge Frau in dieser Position war ein Novum. Man war unsicher im Umgang mit ihr, das spürte Hohmann-Dennhardt. „Damals habe ich wieder angefangen zu rauchen"; erinnert sie sich, das erleichterte die Kontaktaufnahme in Männerkreisen. Sie ging auf die Skeptiker zu und konnte im Gericht die Kollegen bald von ihrem Weg zur Sicherstellung einer guten und zügigen Rechtsprechung überzeugen. „Nicht allein, nur gemeinsam im Team kann das gelingen". In dieser Zeit machte sie sich auch mit frauenrechtlichen Publikationen und Lehrveranstaltungen einen Namen.
1989 wechselte sie nach Frankfurt am Main als Sozialdezernentin der Stadt und wandte sich nun unter Verlust ihrer Lebenszeitstellung als Richterin politischen Aufgaben zu. Politik war ihr allerdings vertraut, denn bereits ihr Vater war Mitglied der Sozialdemokraten gewesen. In der Zeit von 1989 bis 1991 führte sie z.B. den Frankfurt-Pass für Familien ein. „Der Wechsel hat sich gelohnt, diese zwei Jahre waren sehr intensive Jahre: meine zweite Frankfurter Schule."
Ihre 8-jährige Erfahrung in der Justiz qualifizierten sie 1991 für ein weiteres politisches Amt. Nach der Landtagswahl holte Hans Eichel(SPD) sie (...) in sein Kabinett. Sie wurde Justizministerin und dann 1995 im Kabinett Eichel II Wissenschaftsministerin. In dieser Zeit setzte sie gegen Widerstände durch, dass das Land das ehemalige IG Farben-Haus samt dazugehörigem Areal für einen neuen Campus der Goethe-Universität erwarb.
1999 wurde sie zur Richterin des Bundesverfassungsgerichts berufen, wo sie für das Familienrecht (Art. 6 GG) zuständig war. So war sie unter anderem auch Berichterstatterin im Verfahren über das Lebenspartnerschaftsgesetz. Weil sie einige Jahre einzige Richterin des 8köpfigen Senats war, sprach man in dieser Zeit auch wegen ihrer schwarzen Haare ironisch vom „Schneewittchen-Senat".
Nach dem Motto: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", nahm sie nach Ablauf ihrer Amtszeit als Bundesverfassungsrichterin das Angebot von Daimler Chef Dieter Zetsche an und wurde 2011 als erste Frau Vorstandsmitglied im Daimler Konzern für das neue Ressort „Integrität und Recht". Berührungsängste habe es anfänglich schon ein wenig gegeben, sagt Hohmann-Dennhardt, aber dann sei sie ebenso wie ihre Kollegen vor allem an der erbrachten Leistung gemessen worden. Nach 3 Jahren Kontrolle durch einen amerikanischen Monitor wurde ihren Compliance-Anstrengungen dann auch ein positives Ergebnis seitens der US-Behörden ausgestellt.
Im Zusammenhang mit dem VW-Abgasskandal wurde Hohmann-Dennhardt im Januar 2016 ebenfalls als erste Frau in den Vorstand des VW Konzerns berufen, um die Krise aufzuarbeiten und notwendige Veränderungen in der Organisation, den internen Richtlinien und der Unternehmenskultur vorzunehmen. Auch hier wurde dafür nun ein neues Ressort „Integrität und Recht" mit ihr an der Spitze geschaffen. Nach einem Jahr schied sie allerdings wieder aus. „Die Widerstände waren zu groß." Es sei um unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Strukturen und der Unternehmenskultur gegangen.
Die mit ihrem Ausscheiden verbundene Auszahlung der ihr vertraglich noch zustehenden Vergütung in Höhe von zwei Jahresgehältern wurde ihr in den Medien hart angekreidet. „Schön war nicht, was mir nachgeworfen wurde. Aber warum sollen Männergehälter und –abfindungen höher sein als die der Frauen?" fragt sie und fügt hinzu, auch sie meine, dass man die Höhe mancher Vorstands-Boni kritisieren könne, man müsse dies aber für Männer und Frauen gleichermaßen regeln.
„Sich nur nicht vom Weg abbringen lassen": diese Maxime ist ihr Geheimrezept gewesen, und so freut sie sich über das Kompliment, wenn andere über sie sagen, sie sei glaubwürdig in ihrem Reden und Handeln gewesen. Christine Hohmann-Dennhardt ist eine beeindruckende Vordenkerin und Vorkämpferin für Gleichberechtigung und Gleichstellung – ein überzeugendes Vorbild für uns heute und für künftige Generationen.